21. Mai 2018

Hüftprothesen und Knieprothesen: „Es gibt sehr gute Standardmodelle mit Erfahrungen über Jahrzehnte“

Prof. Dr. med. Maximilian Rudert
Ärztlicher Direktor König-Ludwig-Haus

Interview mit Prof. Dr. med Maximilian Rudert, Ärztlicher Direktor und Ordinarius für Orthopädie der Universität Würzburg, über bewährte Standardmodelle bei Prothesen, über maßgeschneiderte Prothesen, Innovationen sowie Sport mit eine Hüftprothese oder Knieprothese. Dieses Interview wurde aus Patientensicht geführt; häufig gestellte Fragen werden beantwortet.

ENDOINFO: Für wen eignen sich speziell maßangefertige Knieprothesen und für wen nicht? Wie wird solch eine Prothese angefertigt, übernimmt meine Krankenkasse die Kosten dafür?

Prof. Dr. med. Rudert: Maßgeschneiderte Prothesen am Kniegelenk sind eine relativ neue Entwicklung, für die es noch keine Langzeitergebnisse gibt. Zwei Aspekte sind hier von Bedeutung: 1. Es wird weniger Knochen entfernt, da die Prothese an die Anatomie des Patienten angepasst wird und nicht der Patient an die Prothese. Das ist im Revisionsfall ein Vorteil. Geht man davon aus, dass diese Prothesen 20 Jahre und mehr halten können, ist das v.a. bei jüngeren Patienten ein Vorteil. 2. Die Oberflächengeometrie des natürlichen Knochens wird durch die Prothese nachgebildet. Dadurch sollte ein leichteres Gefühl beim Laufen entstehen – also ein natürlicheres Gangbild.

ENDOINFO: Was sind die Vorteile solcher spezieller Prothesen und was die Alternativen, wenn solch eine Prothese bei mir nicht anwendbar ist?

Prof. Dr. med. Rudert: Die Vorteile wurden oben aufgeführt. Die gängigen, heute verwendeten Prothesen sind gut und für die meisten Patienten sicher ausreichend. Wir empfehlen die individuelle Prothese daher insbesondere jungen und sportlich ambitionierten Patienten.

ENDOINFO: Was ist, wenn beide Hüften ersetzt werden müssen? Wie viel Zeit muss zwischen den beiden Operationen verstreichen?

Prof. Dr. med. Rudert: Technisch betrachtet können beide Hüften während einer Operation ersetzt werden. Das Risiko für eine erschwerte Nachbehandlung bei dem seltenen Fall einer auftretenden Komplikation ist aber natürlich höher. Daher empfehlen wir den Ersatz in zwei Schritten. Wenn die Beschwerden nicht zu stark sind, sollten 6 Monate zwischen den Operationen liegen.

ENDOINFO: Wie schnell kann ich nach einer Operation wieder meinen alltäglichen Dingen nachgehen, wie lange bin ich krankgeschrieben?

Prof. Dr. med. Rudert: Das hängt von der Größe der Operation, der direkten Belastbarkeit und dem Trainingszustand des Patienten ab. Je fitter der Patient, desto kürzer die Rekonvaleszenz.

ENDOINFO: Werden auch noch über 80-jährige Patienten operiert – lohnt sich das?

Prof. Dr. med. Rudert: Selbstverständlich. Die Lebenserwartung steigt stetig. Wir operieren auch 90-jährige Patienten, wenn Sie internistisch gesund sind. Die dadurch gewonnene Mobilität erhöht den Trainingszustand und die Trainierbarkeit deutlich. Das erhöht wiederum die Lebenserwartung und die allgemeine Gesundheit der Patienten.

ENDOINFO: Kann ich mit künstlichen Gelenken auch weiterhin Sport treiben?
Auch Leistungssport?

Prof. Dr. med. Rudert: Wir erlauben alle sportlichen Betätigungen, die der Patient auch vor der Arthrose des Gelenkes durchführen konnte. Aber erst, wenn er muskulär wieder dazu in der Lage ist. Leistungssport wird ebenso wie Kontaktsportarten oder Hochrisiko-Sportarten nicht empfohlen, ist aber theoretisch mit einem erhöhten Risiko für eine frühere Lockerung oder mechanische Überlastung der Prothese denkbar.

ENDOINFO: Ist es sinnvoll, bei Beschwerden, bereits im jungen Alter eine OP in Betracht zu ziehen oder sollte man damit warten, bis man älter ist und vorher Alternativen ausprobieren?

Prof. Dr. med. Rudert: Es sollten immer die weniger risikoreichen Alternativen der Behandlung der Arthrose ausgeschöpft werden. Sind diese aber nicht mehr wirksam und ist die Beeinträchtigung durch den Verschleiß so hoch, dass die Lebensqualität deutlich eingeschränkt ist, macht eine OP auch in jüngerem Alter Sinn.

ENDOINFO: Kann man zu alt/zu jung für solch eine Operation sein?

Nein.

ENDOINFO: Sollte ich mehrere Meinungen einholen, bevor ich mich operieren lasse?

Prof. Dr. med. Rudert: Das hängt davon ab, ob Sie Ihrem behandelnden Arzt vertrauen oder nicht. Er sollte Ihnen den Eingriff verständlich erklären können, mit der dazugehörigen Indikation, den Alternativen, den Risiken und den verwendeten Prothesenmodellen.

ENDOINFO: Gibt es Standardmodelle in diesen Bereichen, die man einsetzt? Bekomme ich Informationen darüber, welche Modelle sicher sind, bzw. geprüft?

Prof. Dr. med. Rudert: Es gibt sehr gute Standardmodelle mit Erfahrungen über Jahrzehnte. Diese Modelle sind sicher und in der Hand des erfahrenen Operateurs erfolgreich einsetzbar. Eine gewisse Vorsicht oder ein erhöhtes Risiko ist immer bei sog. Innovationen geboten. Hier sollte man sich genau informieren, wo die Risiken liegen.

ENDOINFO: Gibt es Ausschlusskriterien, die eine OP nicht möglich machen?

Prof. Dr. med. Rudert: Ja. Wenn eine Narkose aus internistischer Sicht nicht möglich ist, oder wenn an dem Gelenk eine Infektion vorliegt, ist eine große Operation so nicht sinnvoll.

ENDOINFO: Vielen Dank für dieses Gespräch.

Interviewpartner:
Prof. Dr. med. Maximilian Rudert
Ärztlicher Direktor
Orthopädische Klinik des Bezirk Unterfranken
König-Ludwig-Haus
Lehrstuhl für Orthopädie der Universität Würzburg
Brettreichstraße 11
97074 Würzburg
Tel.: 0931 803-0
Fax: 0931 803-1209

 

Interviews mit Experten zum Endoprothesenregister Deutschland:

Interview zum Endoprothesenregister mit Frau Univ. Prof. Dr. Andrea Meure
Endoprothesenregister: Interview mit Dr. Christian Fulghum von der endogap-Klinik
Interview mit Prof. Dr. Bernd Fink, Orthopädische Klinik Markgröningen
Interview mit Prof. Dr. med. Dr. h. c. Joachim Grifka
Interview zum Nutzen des Endoprothesenregisters mit Jürgen Malzahn, AOK-Bundesverband

Be the first to comment

Leave a Reply